Selbstverwaltete Betriebe Libertäre Tage 1993 Abschlußbericht

Selbstverwaltete Betriebe

Alternative Betriebe, praktische Anarchie und Ökonomie war von Anfang an der Gesamtrahmen dieser Arbeitsgruppe.

Wir haben an allen drei Tagen gearbeitet; jedes Mal war es eine andere Zusammensetzung. Am ersten Tag waren wir etwa 80, am zweiten 50 und am dritten 25, damit am letzten Tag gerade richtig für eine funktionierende Gruppe.

Die Aufteilung wollte an den beiden ersten Tagen nicht klappen, da eine zu große Gruppe Interesse hatte zusammenzubleiben.

Die Schwierigkeiten mit dem Auseinandergehen bedeuten Verlust von Möglichkeiten, die Praxis von anderen zu erfahren. Die meisten fahren nicht zu so einem Treffen, um dann Gespräche wieder in einem engen Kreis zu führen.

Bei der praktischen Verwirklichung der Anarchie kommen wir ohne Erfahrungen und Lernprozesse nicht aus und nicht ohne Leute, die davon berichten können.

Ein Teil der Anwesenden hatten mit mir den Eindruck, daß die Erfahreneren aus den Projekten zusammenbleiben wollten und die Neueinsteiger wollten mit ihnen reden. So spalteten sich nur zwei kleine Gruppen zu speziellen Themen ab. Die große Gruppe tagte sogar bis in den Abend hinein.

Am ersten Tag stellten sich etwa 15 Alternativbetriebe mit den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern und Zielen vor.

Am zweiten und dritten Tag kamen noch weitere hinzu:

Ein Taxiverbund mit 25 Fahrern (Motto: Lieber ein mieser Job mit tollen Leuten als ein guter mit schlechter Stimmung), eine Bäckerei, Holzbetriebe, Kneipe und großes Cafe, Druckerei, Bau- und Innenausbau aus Berlin mit über 40 Beteiligten, Buchladen, Fahrradgeschäfte, Gärtnerei, Landkommunen, Behindertenprojekt, eine Gruppe ehemaliger Gefangener, die aufarbeitet und repariert, ein umfangreiches Selbsthilfeprojekt aus Holland mit viel Sozialunterstützung und eigener Bank, die Wespe (eine regionale libertäre Betriebsvernetzung aus Neustadt) und das Fabrikprojekt, beide im Verbund mit Projekt A, einem bundesweiten anarchistischen Zusammenhang.

Erster AG-Tag

Am ersten Tag wurden Probleme erörtert, wie weit Alternativbetriebe die Aktivitäten der Kollektivbeteiligten aufsaugen, soviel Kraft und Zeit erfordern, daß sie kaum noch nach außen wirken können. Schränken praktische Versuche die politischen Aktivitäten ein oder gibt es gerade dadurch erweiterte Möglichkeiten?

Das hängt sicher auch von der Effektivität der Arbeit ab, wieviel jede/r braucht, um das notwendige zu verdienen. Dabei dürfte die 5-Std.-Woche eine interessante Spekulation bleiben, 25 Wochenstunden in der anarchistischen Fabrik sind ein realistischer Versuch. Einschließlich notwendiger Gespräche beanspruchen viele Kollektive ihre Mitarbeiter über 50 Stunden in der Woche.

Wer da nicht das entsprechende Durchstehvermögen hat, gibt leicht auf.

Am ersten Tag wurden also mehr die Möglichkeiten besprochen, die Menschen in solchen Betrieben überhaupt haben, nach innen eine sinnvolle, ausfüllende Arbeit, nach außen, wie weit sie sich auf dem Weg zu einer utopischen freien Gesellschaft mit der Verwirklichung von wirtschaftlich arbeitenden Projekten voranbringen können.

Diskutiert wurden die Möglichkeiten und Gefahren, die Utopie auf dem Weg der Verwirklichung in den Schwierigkeiten und Sachzwängen wieder zu verlieren. Wie weit sich eine Gruppe von ihrem Umfeld, ihrem Stadtteil, anderen Betrieben in der Umgebung abgrenzt, wie gleiche Branchen mit der Konkurrenzsituation fertig werden.

Wobei nicht ganz klar wird, ob elitäres Bewußtsein oder schlichte Hilflosigkeit im Umgang mit dem Umfeld Abgrenzungen bewirken. Betriebe, die schon länger bestehen und bewußt und direkt an dieses Problem herangehen, haben meist nicht die Schwierigkeiten wie Gruppen, die noch im Aufbau total mit sich selbst beschäftigt sind.

Aber der Wunsch mit der Umgebung auszukommen kann nicht heißen, sein Verhalten an Normalos anzupassen und den eigenen Stil zu verlieren. Der Wunsch, sich exotisch unter Angepaßten zu fühlen und das ausdrücken zu wollen, kann also nicht Anpassung heißen sondern gegenseitige Akzeptanz von beiden Seiten.

Als wichtig wurde eine Vernetzung von Projekten angesehen, weil dann die Möglichkeit besteht, bei auftauchenden Widersprüchen und unvereinbaren Ansichten Betrieb oder Wohngemeinschaft wechseln zu können, wie z. B. bei dem Wespeverbund in Neustadt.

Schön wären Möglichkeiten einer Wanderschaft durch verschiedenen Bereiche von Dienstleistung, Handwerk, Handel und Fabrikation. Als Erprobungszeit, um Erfahrungen zu machen und den Platz zu finden, an dem ich wirklich sein will und mich nicht nur mit meinen beruflichen sondern auch meinen politischen Zielen wiederfinde.

Menschen, die noch auf der Suche sind, können für eingefahrene Projekte sehr wertvolle Anregungen bedeuten, ins Stocken geratene Gespräche wieder voranbringen.

Aber besteht dafür nach einem jahrelangen Betriebsaufbau noch die Offenheit und Neugier?

Wenn sich eine belastbare Gruppe zusammengefunden hat, die effektiv und wirtschaftlich arbeitet, hat sie dann noch den Schwung nach außen zu wirken?

Zweiter AG-Tag

Am zweiten Tag stand ein anderes Thema im Mittelpunkt:

  • Wie ist mit Randgruppen, AußenseiterInnen, weniger “effektiven” Menschen umzugehen?
  • Wieviele davon verträgt eine Gruppe, ohne daß sie an Überlastung zerbricht?
  • Wie groß ist unser Anspruch, anderen helfen zu wollen?

Theoretisch lassen sich leicht moralische Maximalforderungen aufstellen, jede/n aufnehmen zu müssen, der/die Hilfe braucht und in der normalen Konkurrenzgesellschaft wenig Chancen hat. Stellt eine Ablehnung von Menschen unsere ganzen Ansprüche in Frage?

Wenn ich aber jeden Tag länger arbeiten muß, um Schwierigkeiten anderer auszugleichen, kann mir die Zeit für Kreativität und Kommunikation verlorengehen, damit meine Möglichkeit zur Weiterentwicklung.

Kollektive erleiden dann leicht Absprünge durch Rausgehen in weniger belastete Gruppen oder es findet ein Rückzug auf einen normalen Arbeitsplatz statt, wo mensch sich mit so etwas gar nicht erst auseinandersetzen muß und unter keinen moralischen Druck gerät.

Dieses Gespräch wurde teilweise sehr emotional geführt. Einige gingen raus und kamen erst nach vermittelnden Gesprächen wieder.

Besonders die Möglichkeit, HartdrogenbenutzerInnen in Projekte aufzunehmen, wurde von einigen nach schlechten Erfahrungen strikt abgelehnt, weil Mißtrauen nach herben Verlusten eine vertrauliche Offenheit unmöglich macht.

Ein Projekt hatte schon zweimal Probleme mit HartdrogenbenutzerInnen, wollte aber weitere Versuche nicht ausschließen. Einige waren empört, daß überhaupt in der Diskussion die Möglichkeit einer Ausgrenzung vertreten wurde, daß überhaupt Ablehnungen möglich sind, wenn jemand Schwierigkeiten mitbringt.

Was für zeitliche, arbeitsmäßige und finanzielle Belastungen kommen durch Betreuung auf eine Gruppe zu?

Was so schön und idealistisch klingt, heißt in der Praxis immer eine Bereitschaft der Einzelnen, die sich daraus ergebenden Belastungen tragen zu wollen und bei Überlastung die Gruppe nicht zu verlassen.

Denn was nützt das schönste Konzept, wenn die Gruppe an der Überfrachtung mit Problemen zerbricht. Da stellen sich auch grundsätzliche Probleme der Beurteilung von bestehenden Projekten.

Wenn KritikerInnen an die praktische Verwirklichung möglicher, gangbarer Wege zur anarchistischen Utopie mit idealistischen Vorstellungen herangehen, kann ihnen die Praxis nie genügen. Die real existierenden Versuche werden darum meist mit “Ungenügend” oder “Falsch” verurteilt. Wonach sich die TheoretikerInnen wieder beruhigt zurücklehnen können, denn auf solche Versuche brauchen sie sich nicht einzulassen.

Wir wollen aber die Utopie einer freien, sozialen, ökologischen Gesellschaft verwirklichen und müssen uns darum auf Unvollkommenheit und Fehler einlassen, aus denen wir lernen und uns weiterentwickeln können.

Auf dem Weg müssen wir uns möglichst weit so verhalten, wie wir auch in unserer verwirklichten Gesellschaft handeln wollen. Sonst verlieren wir auf dem Weg die Utopie.

  • Welche Probleme haben wir eigentlich allein schon auf unserem richtigen Weg innerhalb einer falschen Gesellschaft?
  • Wieviel Vorstellungskaft und Phantasie müssen wir aufbringen, um nicht ständig als innovatives Potential für kapitalistisches Wirtschaften vereinnahmt zu werden?
  • Oder werden wir bei Nichterfolg dieser Taktik der Herrschenden ausgegrenzt und verfolgt?
  • Wo läßt sich dazwischen noch frei agieren…?

Meist wird Anarchie mit viel Theorie und wenig Praxis gemacht, und wo Praxis stattfindet, wird häufig versucht, sich mit minimaler Theorie durchzuwurschteln ohne rechte Lust auf Reflexion dessen, was gemacht wird. Projektanarchie versucht einen evolutionären Weg.

Aus dem gemeinsamen Lernen jedes Menschen, mit dem ihm gemäßen Erkenntnisfortschritt ohne Zwang sich an eine allgemeine Theorieentwicklung anpassen zu müssen, wenn er sie innerlich noch nicht mitvollzogen hat.

Fazit

Ich betrachte unsere Arbeitsgruppe als die einzige, die sich mit den praktischen materiellen Grundlagen und realen Erfahrungen der Verwirklichung von Anarchie auseinandersetzte. Die rein spekulative Diskussion über die 5-Stunden-Woche zog schon alleine mehr Interessierte an.

Zu anderen Themen, die sich mit theoretischen Erörterungen innerhalb der Libertären beschäftigten, kam ein Mehrfaches an BesucherInnen. Das war auch so vorausgesehen und bei der Raumplanung richtig eingeteilt.

Aber stellt sich diese unsere Bewegung damit nicht in Frage, können solche Treffs über theoretische Auseinandersetzungen hinaus überhaupt etwas bewirken? Wenn sie/er etwas besser weiß, wie mensch manipuliert und unterdrückt wird, aber nicht, wie sie/er sich positiv mit anderen weiterentwickeln kann.

Ich weiß, wie schwer es war, überhaupt Räume zu finden. Für Frankfurt war schon das Mögliche ausgeschöpft. Aber die kurze Zeit des Tages, die uns die vielen Räume und großen Flure des Seminarbereichs zur Verfügung standen, waren meist von Arbeitsgruppen ausgefüllt.

Der freie Austausch, eine zirkulierende Kommunikation in einer Basaratmosphäre um die Stände waren immer nur kurze Zeit möglich und wenn es gemütlicher wurde, mußten die Bereiche auch schon verlassen werden. Jede schöpferische Muse brach ab.

Draußen auf dem Platz hatte uns Krankfurt rasch wieder eingeholt, unsere angereisten AbhängerInnen mit ihren mitgebrachten Bierpaletten und der überdrüssigen, schmuddeligen Variante eines hilflosen Individualanarchismus; und die Abgeschobenen der Überflußgesellschaft in dieser reichen Stadt, mit deren Aggressionen wir nur schwer umgehen konnten.

Pu, Oldenburg

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